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Dichtes
Ahornlaub versperrt Friedrich Schiller von seinem Sockel in der kleinen
Grünanlage den Blick auf die Konkurrenz. In der Mitte des verträumten
Skulpturengärtchens, das vor Salzburgs Großem Festspielhaus zwischen
Kollegienkirche und Universität eingebettet liegt, setzte vor kurzem
Anselm Kiefer die alten Größenordnungen außer Kraft. Plötzlich wirkt
die bronzene Mädchenfigur von Giacomo Manzù geschrumpft und wie
Plastiken von Wotruba und anderen provisorisch abgestellt. Kiefers
„Skulptur“ ist nun die zentrale und die größte ringsum, sie hat eine
Tür, Öffnungszeiten und Aufsichtspersonal. Im Inneren des sieben Meter
hohen Kubus türmen sich, mit dornigem Gestrüpp versetzt, tonnenschwere
bleierne Folianten. Gegenüber hängt das Bild einer Ziegelwüste,
drahtbewehrt und gedichtveredelt: „Wach im Zigeunerlager und wach im
Wüstenzelt, es rinnt uns der Sand aus den Haaren“ beginnt, was der
Künstler in die feuchte Farbe kratzend zitierte – „für Ingeborg
Bachmann“ schrieb er anderswo aufs Bild. Mit der Deutung hält es der
Künstler wie sonst auch; mag sich jeder Dornen, Draht und Wüste
zueinanderordnen, wie er mag, und postkatastrophale Stimmung mit Versen
vom Ewigkeitshauch der persönlichen Verfassung angleichen – alle
Interpretationen träfen zu, versicherte Kiefer und forderte jeden
Besucher auf, eine eigene zu finden. So schön einfach ist das.
Im Universum Anselm Kiefers, der erst im Odenwald
und seit einiger Zeit in Südfrankreich gewaltige Areale mit der eigenen
Kunst bestückt, der ehemalige Fabrikhallen und „Himmelspaläste“, unter-
und oberirdische Labyrinthe mit seinen monumentalen Bildern und
Bildwerken anfüllt, in diesem stets am großen Maßstab ausgerichteten
Oeuvre nimmt sich das „AEIOU“ betitelte Salzburger Werk wie ein
Musterhäuschen aus, das in wenigen Kubikmetern mit Bau, Bild, Buch,
Blei und Bachmann einen knappen, aber repräsentativen Querschnitt durch
Kiefers Tun und Themen bietet. Und so wird denn, ungeachtet der
freundlichen Widmung an die große österreichische Autorin, auch
gepflegt auf den eigenen Altären geopfert.
Der Kiefer-Schrein ist die erste Tat im
Kunstprojekt einer frisch gegründeten „Salzburg Foundation“. Ihr Ziel,
die Salzburger Altstadt, die seit 1996 auf der Weltkulturerbeliste der
Unesco steht, in die Moderne zu befördern, will die Foundation
innerhalb von zehn Jahren mit Skulpturen „von höchster Qualität“ im
öffentlichen Raum erreichen. Man setzt auf zeitgenössische bildende
Kunst als Anziehungspunkt in festspiellosen Zeiten, ganz so, als ob die
Stadt nicht bereits als historisches Ensemble mehr als eine Reise wert
ist und nicht zwei Museen für moderne Kunst in Bau und Planung wären.
Ihre Hauptaufgabe nennen die Protagonisten der Foundation, darunter
Eliette von Karajan.
Brita Sachs
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