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Frankfurter Allgemeine, 18. Oktober 2002 – Ich bin ein Alphabet
Dichtes Ahornlaub versperrt Friedrich Schiller von seinem Sockel in der kleinen Grünanlage den Blick auf die Konkurrenz. In der Mitte des verträumten Skulpturengärtchens, das vor Salzburgs Großem Festspielhaus zwischen Kollegienkirche und Universität eingebettet liegt, setzte vor kurzem Anselm Kiefer die alten Größenordnungen außer Kraft. Plötzlich wirkt die bronzene Mädchenfigur von Giacomo Manzù geschrumpft und wie Plastiken von Wotruba und anderen provisorisch abgestellt. Kiefers „Skulptur“ ist nun die zentrale und die größte ringsum, sie hat eine Tür, Öffnungszeiten und Aufsichtspersonal. Im Inneren des sieben Meter hohen Kubus türmen sich, mit dornigem Gestrüpp versetzt, tonnenschwere bleierne Folianten. Gegenüber hängt das Bild einer Ziegelwüste, drahtbewehrt und gedichtveredelt: „Wach im Zigeunerlager und wach im Wüstenzelt, es rinnt uns der Sand aus den Haaren“ beginnt, was der Künstler in die feuchte Farbe kratzend zitierte – „für Ingeborg Bachmann“ schrieb er anderswo aufs Bild. Mit der Deutung hält es der Künstler wie sonst auch; mag sich jeder Dornen, Draht und Wüste zueinanderordnen, wie er mag, und postkatastrophale Stimmung mit Versen vom Ewigkeitshauch der persönlichen Verfassung angleichen – alle Interpretationen träfen zu, versicherte Kiefer und forderte jeden Besucher auf, eine eigene zu finden. So schön einfach ist das. 

Im Universum Anselm Kiefers, der erst im Odenwald und seit einiger Zeit in Südfrankreich gewaltige Areale mit der eigenen Kunst bestückt, der ehemalige Fabrikhallen und „Himmelspaläste“, unter- und oberirdische Labyrinthe mit seinen monumentalen Bildern und Bildwerken anfüllt, in diesem stets am großen Maßstab ausgerichteten Oeuvre nimmt sich das „AEIOU“ betitelte Salzburger Werk wie ein Musterhäuschen aus, das in wenigen Kubikmetern mit Bau, Bild, Buch, Blei und Bachmann einen knappen, aber repräsentativen Querschnitt durch Kiefers Tun und Themen bietet. Und so wird denn, ungeachtet der freundlichen Widmung an die große österreichische Autorin, auch gepflegt auf den eigenen Altären geopfert. 

Der Kiefer-Schrein ist die erste Tat im Kunstprojekt einer frisch gegründeten „Salzburg Foundation“. Ihr Ziel, die Salzburger Altstadt, die seit 1996 auf der Weltkulturerbeliste der Unesco steht, in die Moderne zu befördern, will die Foundation innerhalb von zehn Jahren mit Skulpturen „von höchster Qualität“ im öffentlichen Raum erreichen. Man setzt auf zeitgenössische bildende Kunst als Anziehungspunkt in festspiellosen Zeiten, ganz so, als ob die Stadt nicht bereits als historisches Ensemble mehr als eine Reise wert ist und nicht zwei Museen für moderne Kunst in Bau und Planung wären. Ihre Hauptaufgabe nennen die Protagonisten der Foundation, darunter Eliette von Karajan. 

Brita Sachs