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Anselm
Kiefer, 1945 in Donaueschingen geboren, zählt zu den scheuen Künstlern
im Lande. Rar sind seine öffentlichen Auftritte. Dennoch vermochte ihn
die Stadt Salzburg mit ihrer „Salzburg Foundation“, finanziert allein
von Sponsoren wie Credit Suisse, aus der Reserve zu locken. Die
Foundation will die 1996 zum Weltkulturerbe ernannte Altstadt jährlich
um die Skulptur eines weltweit bedeutenden Künstlers bereichern.
Die Wahl der Jury (Danilo Eccher, Direktor des
„Macro“ Rom, Lóránd Hegyi, Kunsthistoriker Neapel, Vorsitz: Walter
Smerling, Stiftung für Kunst und Kultur Bonn) für den Auftakt-Auftrag
fiel auf Kiefer, der damit zugleich seine erste Arbeit im öffentlichen
Raum vorstellt. Geschaffen hat Kiefer die dreiteilige Raumskulptur
„A.E.I.O.U. – Für Ingeborg Bachmann“ auf seinem rund 100 Hektar großen
„Atelier“ in Süd-Frankreich; nun steht sie im Furtwängler-Park zwischen
Festspielhaus, Universität und Kollegienkirche.
Eine Doppeltür aus Kupfer und Glas versperrt den
Weg ins Innere eines Kubus aus 400 hellen Betonziegeln, Bestandteil des
Werkes. Die Vokale des Titels gehen zurück auf die Signatur Kaiser
Friedrichs III. Auch auf den Talmud griff Kiefer zurück, in dessen
Worten diese Vokale fehlten und die Sätze stets mehrere Auslegungen
zuließen, sie verrätselten. Und Verrätselungen, schwermütige Landspuren
aus Lehm und Fliehsand zählen seit je zu Kiefers Stilvokabular.
Innen stehen zwei Hauptteile einander gegenüber:
ein riesiges Gemälde, das Wege aus Sand und Lehm ins Nichts zeigt,
gespickt mit rostigem Stacheldraht. Auf Linien, die einem
Lern-Schreibheft entstammen könnten, sind in Kinder-Schrift diese
Zeilen aus Bachmanns Gedicht „Das Spiel ist aus“ zitiert: „wach im
Zigeunerlager und wach im Wüstenzelt, es rinnt uns der Sand aus den
Haaren, dein und mein Alter und das Alter der Welt mißt man nicht mit
den Jahren. „Für Kiefer ist Bachmann „die wichtigste Schriftstellerin
des Jahrhunderts. Ich führe ein Gespräch mit ihr seit ich denken kann.“
Auf der rechten Seite stößt man auf ein wuchtiges
und zugleich wackeliges Regal aus Blei. Blattdünn ausgewalzte,
knittrige Bleiplatten stellen die Bücher dar, die wiederum von
vertrockneten Dornen aus afrikanischer Wüstenei eingefasst sind. Das
Wissen und die schriftlich fixierte Erinnerung wie schmerzhaft ins
Fleisch getriebene Wunden.
Bei der Presse-Besichtigung und Übergabe an die
Öffentlichkeit war der Kubus noch zugänglich, tags darauf schon
hermetisch verschlossen. Man soll ihn nicht betreten dürfen, wünscht
der Künstler, als sei damit eine Profanisierung und Entheiligung
verbunden, vergleichbar jener, die mit der Öffnung der Pyramiden einher
ging. Dass das Glas die Ansicht von draußen nach drinnen durch die
Sonne verspiegelt, dürfte vom Kryptiker Kiefer gewollt sein. Solcherart
abgewiesen und ausgeschlossen, ist der Betrachter um die Chance
gebracht, eine intime Nähe und ein Zwiegespräch zu entwickeln, ohne die
jedes Kunstwerk stumm bleiben muss. Wer sehen will, kann hier nur
ahnen.
Sophia Willems
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