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Rede für Anselm Kiefer, Salzburg

Ein Bücherregal ist normalerweise ein Ort für sich, feinsinniger Komplize, wo man seine Träume sammelt, seine Visionen einordnet, seine Erinnerung bewahrt. Es ist ein großer Spiegel, der mit unvorhergesehener Wahrheitstreue alle Facetten, bekannter und unbekannterer Natur, desjenigen reflektiert, der ihn zusammengebaut hat, ein Ort wo man sich selbst erkennt und wo man finstere und überraschende Charaktere unterscheidet.

Das Bücherregal ist die Rückkehr von tausend Reisen, die Nische der unendlichen Zweifel, der Wohnsitz vieler Gedanken, die zwischen den Seiten verweilen und in die Wörter geraten. Symbole des Wissens und der Erinnerung, sind Bücher auch Fetische für unsere Besessenheit, Reliquien einer gebildeten Spiritualität, Bilder einer bruchstückhaften Weisheit, die ihr eigenes Abdriften beobachtet.

Bücher bevölkern auch das ikonografische Wörterbuch von Anselm Kiefer, der sie ordnet und sie entlang den Spuren eines visionären Alphabetes zusammenstellt. Tausende von Bildern vermengen sich mit Sonnenblumenkernen, mit Vulkanasche, mit Fotoschnitzeln in einem erzählerischen Strudel, der die Seiten fortreißt und poetische Empfindungen entfacht.

Auf diese Weise kann man ein Buch schließen, aber es hört nicht auf, zu leben und sich in den phantastischsten Erzählungen zu verlieren. Es ist diese Form und Substanz, das Sein und das Wesentliche, Symbol und Realität eines künstlerischen Prozesses, was nicht katalogisiert werden kann.

Kiefer schafft auf diese Weise imaginäre Bibliotheken, die den eigenen Zauber im Umfang eines sich verändernden Körpers entwickeln, wo sich beunruhigende Naturhaftigkeit belebt.

Es gibt die gleiche Notwendigkeit, die Wirkung von Kurt Schwitters zu dokumentieren, dieselbe existenzielle Energie von Joseph Beuys, die künstliche Spiritualität von Rothko oder Giacometti, die Körperlichkeit von Antonio Tapiès, die Dramatik von Bacon, alle diese Echos einer Art von Klassik, die man dem Lauf der Geschichte überantworten könnte.

Kiefer ist in der Tat ein klassischer Künstler, zumindest in der trefflichen Ausnahme dieses Begriffs, ein außergewöhnlicher Experimentator des erhabenen Gleichgewichts, ein konzentrierter Analysierer der Gedankenstruktur, ein inspirierter Poet im Erhabenen seines kreativen Gestus.

A.E.I.O.U. ist eine Widmung von Kiefer an Ingeborg Bachmann, das gefällige Zeichen einer ästhetischen Zuneigung, die in der allgemeinen Verwendung Heideggerscher Begriffsbestimmung, den Vers mit dem Bild, den Ton mit der Schrift verbindet. Das Wort wird zum Werk und führt sein Bild aus, damit Figur, Präsenz, selbst Abbild eines Gedankens werdend, der zwischen Buchseiten oder zwischen Ziegelsteinen archaischer Gebäude umhergleitet.

Es sind Gedanken, die in den Werken umherströmen und ihre Dornen zeigen, ihre ernste Natur zur Schau stellen, Angst und Ehrfurcht einflößen aufgrund einer Präsenz, die nicht nebenher erfasst werden kann. Die Poesie, wie das Dornengebüsch, erzwingt Beachtung und Argwohn, ein Kunstwerk ist eine Welt voller Gefühle, die quält und verletzt, aber dennoch nicht auf Neugier und Verzauberung verzichtet.

Danilo Eccher